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Anna, Maria und Jesus

Erklärende Anmerkungen zur Statue <Darstellung der "Ann-Selbdritt"> und zur Heiligen Anna

"Hilff du Sankt Anna, ich will ein Mönch werden!" Der dieses Gelübde während eines Gewitters in Todesgefahr am 2. Juli 1505 aussprach, war kein geringerer, als der damalige Student Martin Luther. Es war zugleich der Abschied von der weltlichen Karriere, von der sich die Eltern so viel erhofft hatten und die Hinwendung zur geistlichen Berufung des späten Reformators.

Der zukünftige Augustinereremit Martin Luther zeigte sich dabei ganz als Kind des Spätmittelalters, einer Zeit, in der die Verehrung der Mutter der Gottesmutter ihren Höhepunkt erreicht hatte, und sie häufig in Gefahrensituationen, ebenso wie die Heilige Jungfrau selbst, angerufen wurde. Anläßlich einer unglücklichen Verletzung, wenige Zeit vor dem Gewittererlebnis, hatte Luther die Gottesmutter um Hilfe gebeten.

Das Wirken der Großmutter des Heilands, die in den vier kanonischen Evangelien nicht erwähnt wurde, war im Orient bereits früh Legendenhaft, etwa über die Verwandtschaft zur Elisabeth, der Mutter Johannes des Täufers und ihre Eheschließungen, ausgeschmückt worden. So gesellte sich früh zur Marienverehrung auch die der Mutter Anna. Zu den Annenüberlieferungen gehörte auch deren Anwesenheit unter dem Kreuz.

Die Annenverehrung erreichte erst nach der Jahrtausendwende Eingang in dem Gebiet nördlich der Alpen. Auch hier folgte sich der immer ausgedehnteren Verwurzelung der Gottesmutter in der Frömmigkeit der Völker. Die Verehrung der Gottesmutterschaft Mariens war durch die Einbeziehung der Mutter der Gottesmutter zugleich verstärkt, wie auch durch den nur rein familiären Zusammenhang, der zwischen dem Heiland und seiner Gottesmutter besteht, geschwächt worden.

Im späten Mittelalter, der Zeit vom 14. bis 16. Jahrhundert, war man kaum an theologisch einwandfreien Glaubensvorstellungen interessiert, das in den zahlreichen Ausschmückungen weithin bekannte Leben der Heiligen Familie bildete gleichsam ein religiöses Vorbild. Im 17. Jahrhundert wurde das Annenfest am 26. Juli zum gebotenen Feiertag.

Häufig sind uns aus dem Spätmittelalter die Darstellungen der "Ann-Selbdritt", mit dem Jesusknaben, der Gottesmutter und der Mutter Anna überliefert. Eine sehr qualitätsvolle, heute leider stark verblaßte Selbdritt-Gruppe findet sich als Wandmalerei in der unfern unseres Gotteshauses gelegenen Dorfkirche Dahlem. Die Dahlemer Annenkirche könnte vielleicht im Spätmittelalter Ziel einer regional begrenzten Annenwallfahrt gewesen sein. Aus schriftlichen Quellen ist darüber allerdings nichts überliefert, doch läßt vor allem die Ausstattung der Kirche diese vermuten.

Wesentlich älter und bedeutender als alle brandenburgischen Gnadenstätten war der Unterkreuzberg in Bayern, das rheinische Düren und Brakel in Westfalen, um nur wenige Wallfahrtsorte im Westen und süden zu nennen. Alle ehemaligen Schlesiern dürfte die bei Leschnitz in Oberschlesien befindliche Gnadenkapelle auf dem Annaberg ein Begriff sein, die auch im heutigen Polen als Gnadenort von vielen Wallfahrern aufgesucht wird.

Mit der Wahl der Schutzherrschft der Mutter Anna für unsere Kirche hatte man zugleich an Glaubensvorstellungen, die in unserem Raum vor der Reformation geübt wurden, angeknüpft, und als Tochterkirche eines der Heiligen Familie geweihten Gotteshauses die Schwiegermutter zu Patronin erhoben. Ihre Verehrung ist untrennbar mit der für die Gottesmutter und für den Heiland verbunden.

Dr. Felix Escher. Erschienen in Pfarrnachrichten 05/1999